Wer genügend lange Dienst in der Schweizer Armee geleistet hat, kennt das Dilemma: Man stösst im Laufe der Dienstzeit unweigerlich auf Führungsentscheide, die weder fachlich noch menschlich nachvollziehbar sind. Das ist kein reines Phänomen der unteren Stufen – es zieht sich zuweilen bis in die höchsten Führungsetagen des Berufskorps.
Besonders frustrierend wird es dort, wo der Dienst an der Sicherheit des Landes mit den Partikularinteressen der Chefs kollidiert: Wenn kompetente, kritische Milizkader blockiert werden, während einseitig stromlinienförmige Berufs- und Verwaltungs-Karrieren gefördert werden, leidet die Qualität. In solchen Momenten ertappt man sich zu Recht bei der Frage: «Ist es meine Zeit wert, hier mitzumachen? Dient mein Einsatz der Sicherheit des Landes oder sichere ich hier nur das Klüngel-System einiger weniger ab?»
Die Marketing-Kampagnen der Armee sind heute professionell, doch die Realität in den Rekrutenschulen und WKs hält diesem Bild nicht immer stand. Für motivierte junge Dienstleistende ist das Erwachen oft hart. Wenn Kompetenz weggedrückt wird, sinkt die personelle Verteidigungsfähigkeit dort, wo sie am wichtigsten wäre: an der Spitze.
Der Trugschluss des «Nein» aus Protest
Angesichts dieser realen Baustellen könnte man verleitet sein, die Revision des Zivildienstgesetzes aus Protest abzulehnen. Nach dem Motto: “Wenn das System nicht funktioniert, entziehe ich ihm die Unterstützung.” Doch das wäre ein gefährlicher Trugschluss. Ein Nein würde die Probleme nicht lösen, sondern massiv verschlimmern.
Wem an einer starken, resilienten Armee mit besseren Führungskadern gelegen ist, sollte JA stimmen. Denn die Qualität der Armee lebt vom Korrektiv der Miliz: Nur wenn genügend unabhängige, erfolgreiche und kritische Köpfe im System sind, kann die Institution von innen heraus korrigiert werden.
Durch die jahrzehntelange “Friedensdividende” und die kontinuierliche Aufweichung der Dienstpflicht ist dieses Korrektiv erodiert. Anteilsmässig nimmt das Berufsmilitärcorps zusammen mit zivilen VBS-Mitarbeitenden in Uniform einen grossen Teil der mittleren Führungsetagen der “Miliz”-Armee ein. Viele der klügsten, kritischen Köpfe – jene, die Fehlentwicklungen nicht einfach abnicken, sondern Gegensteuer geben würden – wandern aufgrund eklatanter Führungsmängel in den Zivildienst ab. Wenn wir diesen Trend nicht stoppen, überlassen wir das Feld vollends den reinen Systemkarrieristen. Das JA zum Zivildienstgesetz sorgt dafür, dass die Armee das intellektuelle und charakterliche Potenzial wieder aufbaut, das sie für ihre eigene Stärke dringend braucht.
Deswegen – Ja zur Revision des Zivildienstgesetzes!
Epilog: Schweizerisch ist, wer trotzdem bleibt
Unser Schweizer Staatsverständnis unterscheidet sich fundamental von dem unserer Nachbarn: Bei uns sind Bürger und Staat keine separaten Entitäten. Der Bürger ist der Staat. Das zeigt sich in unseren Milizparlamenten ebenso wie in der Milizarmee.
Dieses System verknüpft Mitbestimmung unzertrennlich mit Verantwortung. Wer Schwachstellen in der Armee sieht, läuft nicht davon, sondern verbessert sie von innen heraus. Genau das ist die vornehmste Aufgabe des Milizbürgers: Wehrhaft sein – auch gegenüber innerer Inkompetenz.
Konsequenterweise greift dieser Gedanke der gemeinsamen Verantwortung erst dann vollumfänglich, wenn wir die Wehrpflicht künftig für alle verlangen – auch unabhängig vom Geschlecht.




